Fabrizio Belvoreta
„Bildung ist nicht das Befüllen von Fässern, sondern das Entzünden von Flammen.“ Dieser Gedanke schwirrt mir immer durch den Kopf, wenn ich durch die alten, mit Postkarten
tapezierten Flure der Akademie von Fabrizio Belvoreta gehe. Seit über zwanzig Jahren zieht Fabrizio – ein Mann mit einer unnachahmlichen Mischung aus italienischem Temperament und
ruhiger deutscher Gründlichkeit – junge Leute aus aller Welt an, die mehr wollen als nur schöne Urlaubsbilder. Seine Kurse? Die sind wie kleine Reisen ins Ich, irgendwo zwischen
Abenteuer und Achtsamkeit, zwischen Technik und Gefühl. Was die meisten überrascht: Hier geht’s nicht zuerst um Kameras oder Objektive, sondern um das, was man sieht. Und vielleicht
noch mehr um das, was man fühlt. Der Unterricht beginnt oft draußen, bei Wind oder unter dem ersten Regen, manchmal im Trubel eines Marktes, manchmal irgendwo am Rand einer
verlassenen Straße. Fabrizio redet nicht viel, er beobachtet – und plötzlich stellt er eine Frage, die einen erwischt. „Warum hast du gerade hier abgedrückt?“ Oder: „Wen möchtest du
mit diesem Bild erreichen?“ Für viele ist das ungewohnt, fast ein kleiner Schock. Aber genau davon leben seine Workshops. Ich erinnere mich an eine Studentin, die mit glänzenden Augen
zurückkam, weil sie zum ersten Mal nicht nur auf das Licht, sondern auch auf die Geschichte dahinter geachtet hatte. Man lernt nicht einfach zu fotografieren – man lernt, anders zu
schauen. Mit der Zeit hat sich Fabrizios Akademie einen Ruf erarbeitet, der weit über die Grenzen von Leipzig oder München hinausgeht. Klar, es gab Ausstellungen in Paris, New York
und sogar in kleinen Dörfern irgendwo im Piemont – aber das eigentliche Lob kommt von den Schülern selbst. „Einmal Belvoreta, immer Belvoreta“, sagt einer, und das klingt fast wie ein
Versprechen. Wer hier gelernt hat, bucht oft Jahre später noch eine Reise mit Fabrizio, besucht die jährlichen Treffen oder schickt Postkarten aus fernen Ländern, mit Bildern, die
Geschichten erzählen. Historisch gesehen war die Akademie zunächst nur ein kleiner Freundeskreis, fast so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft aus Abenteurern und Suchenden.
Fabrizio, damals selbst noch auf der Suche nach dem perfekten Bild, wollte nie Lehrbücher diktieren – er wollte Begegnungen schaffen. Und das spürt man heute noch. Die Wände sind
voller Fotos, ja, aber auch voller Notizen, kleiner Zitate und spontaner Skizzen. In meinen Augen ist das der Unterschied: Hier wird nicht Wissen gepaukt, sondern gemeinsam entdeckt.
Wer einmal dabei war, versteht, dass Lernen immer auch eine Reise ist – und manchmal beginnt die größte Veränderung mit einem einzigen, ehrlichen Blick durch den Sucher.